Meine Kurzgeschichten

Die Blätter der Buche
von
Heide-Marie Lauterer

Die Märchenforscherin geht durch enge Gassen, an Türmen und Fachwerkhäusern vorbei bis zum Rathaus am Marktplatz, wo sich das Märchenarchiv befindet. Sie bahnt sich einen Weg durch das Gedränge und steigt die dunkle Treppe hinunter, die zum Archiv führt. Die Eisentür lässt sich mühelos mit dem Zahlencode 789 öffnen. Auf den Tischen des Archives liegen Folianten und Pergamentrollen. Sie blättert sie durch und liest sich in einer Geschichte fest.

Ein armes Mädchen wacht am Ufer eines Baches auf. Ihre Eltern haben es ausgesetzt, weil sie das Kind nicht mehr versorgen können. Das verlorene Kind spielt mit dem klaren Wasser, da tritt eine Fee aus dem Ufergebüsch. Du hast drei Wünsche frei, sagt sie, die dir helfen zu überleben.

So wünsche ich mir ein warmes Kleid, damit es mir nimmermehr kalt wird.
Einen Korb mit Essen, der immer voll ist.
Und einen Gegenstand, der die Dinge so ändert, wie ich sie gerade brauche.

Ehe es sich das Mädchen versieht, trägt sie ein warmes, weiches Samtkleid. Und neben ihr steht ein voller Picknickkorb. Sie macht sich darüber her und fühlt sich stark wie eine Kugelstoßerin. Während sie noch kaut, segelt eine braunweißgemusterte Feder mit einem breiten Kiel zu ihr herunter und verfängt sich in ihrem goldenen Haar. Diese Feder steckt sie hinter ihr linkes Ohr.

Wie sie noch so dasitzt, kommt ein junger Prinz zu ihr und sagt: Komm mit mir, ich gebe dir Arbeit und Brot. Da geht das Mädchen mit ihm. Der Prinz führt sie zu einem rosafarbenen Haus, das hat sieben Zimmer. Er zeigt ihr ein Gemach, in welchem drei Jungfrauen in blauen Gewändern sitzen. Wie heißt ihr, fragt das Mädchen. Wir heißen Marilin, Rosalin und Saralin, sagen die drei eine nach der andern. Und was macht ihr hier, setzt sie hinzu.

Unser Haus ist ein Frauenhaus. In jedem Zimmer wartet ein anderer Mann. Wir gehen in die Zimmer und legen Hand an. Marilyn schaut sie an und sagt:  Das ist jetzt auch deine Aufgabe.

Das Mädchen tut, wie ihr geheißen wird. In dem Zimmer, das sie betritt, sitzt ein dicker, fetter Kerl auf einem Diwan und rülpst. Das Mädchen legt Hand an und er ächzt wohlig. Weiter, sagt er, weiter! Doch da wird es dem Mädchen zu bunt, sie nimmt ihre Feder hinter dem Ohr hervor und kitzelt ihn zur Abwechslung an der Fußsohle. Sie kitzelt und kitzelt, bis sich der Mann  vor Lachen nicht mehr halten kann und wie ein Kornsack umfällt. Da erfasst das Mädchen ein Schreck – wenn er tot ist – was wird mein schöner Prinz dazu sagen?

In diesem Moment kommt der Prinz herein und sagt: Gut gemacht, Mädchen! Er war mein Feind. Der Prinz packt das Mädchen unsanft beim Arm und sagt: Und du kommst jetzt mit mir!“

Er führt das Mädchen zu einem Turm und steigt mit ihr die steile Wendeltreppe hinauf. Ganz oben befindet sich ein großes, luftiges Zimmer, das dem Mädchen gefällt. Der Prinz sagt: Von nun an sollst du nur noch für mich da sein. Er setzt das Mädchen auf einen goldenen Sessel und sagt: Fang an!

Das Mädchen erschrickt, erstarrt für einen Wimpernschlag lang, doch dann weiß sie, was sie zu tun hat. Als erstes greift sie nach der Feder hinter ihrem linken Ohr, und dann beginnt sie eine Geschichte nach der anderen zu erzählen. Sie erzählt einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang und der Prinz sitzt ihr zu Füssen und lauscht ihren Worten. Er vergisst alles andere, er isst nicht, er trinkt nicht und er tut kein Auge zu. Bald ist er so schwach, dass er in den Armen des Mädchens stirbt.

Das ist nun schon der zweite, denkt das Mädchen. So kann das doch nicht weitergehen! Sie öffnet das Turmfenster und schaut hinunter. Auf dem Balkon unter ihr stehen Rosalynn, Marilynn und Saralynn und rufen ihr aufmunternde Worte zu, die sie nicht versteht. Tief unten funkelt der See. Sinnend greift sie hinter ihr linkes Ohr; sie fühlt die Feder und braucht nicht mehr lange nachzudenken – im Nu schneidet sie sich ihr langes Haar ab, dreht es zu einem Strick und lässt sich daran hinab bis zum Seeufer. Kopfüber taucht sie in die tiefblauen Fluten, spielt mit den Fischen und pflückt einen dicken Strauß Unterwasserblumen. Sie fühlt sich wohl wie ein Fisch im Wasser und vielleicht ist sie selbst ein Fisch.

Doch es dauert nicht lange, da kommt der Adler, der mächtige Vogel Greif, er fasst sie mit seinem Schnabel und setzt das Fischmädchen auf seine Schwingen. Das Mädchen wiegt sich mit dem Adler in den Lüften und schwebt mit ihm über den Wolken, dass es eine Lust ist. Abends bringt der Greif das Mädchen in seinen Horst. Jeden Morgen holt er es wieder ab, setzt es auf seine Schwingen und dreht mit ihm seine Runden.

Von nun an vergehen die Tage des Mädchens in blauer Leichtigkeit. Doch am 8. Tag fühlt sich das Mädchen von einer starken unbekannten Macht hinunter in die Tiefe gezogen. Der Sog ist so stark, dass sie sagt: Lieber Adler, ich kann nicht länger bei dir bleiben, ich will hinunter auf den Grund um Wurzeln zu schlagen. Der Adler ist traurig, weil er als Kind der Lüfte ihren Wunsch nicht verstehen kann, doch am nächsten Tag setzt er das Mädchen auf einer grünen Lichtung ab.

Dort bleibt sie lange sitzen und mit Hilfe der Feder beginnt sie ganz langsam Wurzeln zu schlagen. Aus den Wurzeln wachsen Triebe, die sich zu dem Stamm einer mächtigen Buche zusammenfinden. Es ist eine ganz besondere Buche. Auf ihren Blättern stehen Geschichten. Die Menschen pflücken sie und lesen sich die Geschichten gegenseitig vor. Mit den Jahren breitet sich der märchenhafte Ruf der Buche über das ganze Land hin aus. Immer mehr Menschen kommen von nah und fern, um die Blätter zu pflücken.

Es vergehen neun lange Jahre, da kommen Waldarbeiter und fällen die Buche. Sie zersägen den Stamm und zerhacken die einzelnen Teile zu Brennholz. Bald brennen die Scheite der Buche in den offenen Kaminen der Wohnhäuser. Wo immer ein Scheit nachgelegt wird, erwärmt das Buchenholz die Herzen der Menschen und sie erzählen sich die alten Geschichten in immer neuem Gewand.

Hier endet die Geschichte. Die Märchenforscherin verlässt das Archiv, lässt die Tür ins Schloss fallen und geht die Stufen hinauf. Sie steht auf dem Marktplatz, der vom Licht des vollen Mondes beschienen wird. Tief in ihrem Innern spürt sie das klare rote Feuer, das angefangen hat in ihr zu brennen und nicht mehr aufhören will.

Diese Geschichte habe ich für unser Projekt: Märchen am laufenden Band des
hd-Textsalons geschrieben. Weitere Märchen von unseren Autorinnen und Autoren finden Sie auf unserem Blog: 
Hd-Textsalon

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Die Geschichtenerzählerin 
von
Heide-Marie Lauterer

Ich stand auf der Hinterbühne und wartete mit weichen Knien und einem flauen Gefühl im Magen auf meinen Auftritt. Pleto überzog seine Zeit gewaltig, er machte mir das Leben zur Hölle. Lampenfieber war etwas Entsetzliches, das musste er doch wissen. Ich zog den Vorhang ein wenig zur Seite und studierte unser Publikum. Ob es wirklich stimmte, was Pleto mir kurz vorher erzählt hatte? Bestimmt war es nichts als eine Vermutung, die in Pletos phantasiereichem Komödienantenhirn entstanden war: Dass der Typ in der zweiten Reihe, mit den Blutspritzern auf dem Hemd mit dieser Frau unter einer Decke steckte, die hinter ihm stand? Sie trug eine tiefschwarze Schildkappe, die ihr Gesicht verschattete und flüsterte ihm etwas zu. Was ging mich diese Frau an? Ich hatte nur Augen für meine Figur, für meine Schöpfung, und je stärker ich ins Publikum starrte, desto deutlicher erstand sie vor meinem inneren Auge. Es war mir unbegreiflich, warum sie Pleto nicht wahrnahm, dabei war sie es doch, von der etwas ausging, das unser aller Leben verändern würde. Ich kannte diese Frau ja nur zu gut. Die Frau hieß Paula. Kein besonders origineller Name, das muss ich zugeben. Ihr Nachname Müller war noch langweiliger, sie hieß so wie gefühlte 700 000 andere Deutsche. Keine Ahnung, warum ich diesen Namen gewählt hatte, als ich ihr ein Profil auf Facebook einrichtete, wahrscheinlich hatte ich mir nicht genügend Zeit zum Nachdenken genommen, Autorinnen wie ich stehen immer unter Zeitdruck. Dafür hatte ich meine Paula, wie ich sie liebevoll nannte, mit prickelnden Eigenschaften ausgestattet: Sie wollte für schön gehalten werden, daher die schwarze Sonnenbrille. Beim Lächeln ließ sie ihre Zähne blitzen, sie ging aufrecht, überprüfte ihr Aussehen in einem kleinen Taschenspiegel, strich sich beständig über die blonden Locken, langweilte sich, wenn sich die Unterhaltung nicht um sie drehte. Kein Wunder, dass sie während Pletos Vortrag die ganze Zeit flüsterte. Ich wusste natürlich, was in ihrem Kopf vorging, auch wenn mir klar war, dass ich bei dieser Figur gewiss mit weiteren Überraschungen würde rechnen müssen. Sie würde zum Beispiel auf Facebook in kürzester Zeit über tausend Likes bekommen, während ich, ihre Schöpferin, leer ausgehen würde. Das wäre nicht so schlimm, als Autorin bin ich so etwas gewöhnt. Doch damit würde sie sich nicht zufrieden geben. Sie würde einen Shitstorm über mir auskübeln – war nicht mein Mailkonto schon jetzt voll von ihren Hassmails – sie machte mich nieder, wo und wie sie nur konnte und ließ kein gutes Haar an meinen Texten. Vielleicht war das der Grund warum meine Rankingzahlen auf Amazon schlagartig zurückgingen. Vorsichtig lugte ich hinter dem Vorhang hervor. Vielleicht hätte ich ihr nicht die zusätzliche Eigenschaft: ‚Findet andere Leute hässlich‘ geben sollen? So respektlos wie sie mich behandelte, würde sie bald auch Pleto und unsere ganze Truppe behandeln, sie konnte ja nicht anders. Deutlich nahm ich wahr, wie sie mit den Zuhörenden flüsterte und sich tanzend von einer zur anderen bewegte. Mir schwante Übles. Es war alles vorgezeichnet und trotzdem überraschte mich die Erkenntnis kalt: Sie plante einen Komplott, schon hörte niemand mehr Pleto zu, die unverschämte Person zog jede Aufmerksamkeit auf sich. Jetzt gab sie auch noch Autogramme! Sie konnte ja schreiben, auch das hatte von mir! Jedes einzelne Wort, das sie zu Papier brachte, stammte von mir. Die Person würde alle gegen uns aufhetzten und nicht nur das – mit dem mir eigenen Sinn für Mörderisches Drama würde sie in die Vollen gehen und es nicht bei Verbalattacken bewenden lassen. Sie wusste, wie man Verschwörungen anzettelte. Da und dort sah ich schon blankes Metall blitzen, Messer, Beile, Schlagringe …!

Jetzt war es an mir zu handeln. Ich war die Geschichtenerzählerin und wusste mir zu helfen. Ich kramte nach meinem Handy und stellte es zitternd an. Es brauchte ewig, bis sich der Bildschirm aufbaute, auch das hatte ich eingeplant, diese Spannung musste sein, ebenso wie die Frage: vielleicht war es schon zu spät? Hastig tippte ich den Notruf und wickelte mich in den rotseidenen Vorhang der Hinterbühne, um nicht umzukippen.

Die Retter kamen schon nach drei Minuten. Meine Verhaftung geriet zur Erlösung, so wie ich es geplant hatte. Handschellen legten sich sanft und liebevoll um meine Handgelenke, die Beamten nahmen mich in ihre Mitte und geleiteten mich durch die staunende Menge zum Polizeiauto. Pleto drängte sich durch die Menge zu mir. „Geht es dir gut?“, fragte er besorgt.

„Ich bin Geschichtenerzählerin und ich weiß immer, wenn ich in einer feststecke“, raunte ich ihm zu. Die Beamten drängten ihn zur Seite, schoben mich auf den Rücksitz des Polizeiwagens und knallten die Türen zu.

Später erzählte mir Pleto, dass unsere Veranstaltung durch meine überraschende Einlage Furore gemacht hätte und in der Presse auf große Resonanz gestoßen wäre. „Bereit sein ist alles! Die wahren Geschichten sind halt immer die besten“, sagte er zu mir.

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Wolfsliebe, eine Schamenengechichte
von
Heide-Marie Lauterer

Er war wunderschön. Er lag auf den Fliesen und sah mich mit weitaufgerissenen Vogelaugen an.
Der Vogel war tot.
Ein Eichelhäher, sagte Julian. Die Balkontür, wir sollten so einen schwarzen Flattermann drankleben.
Mich ergriff eine merkwürdige Traurigkeit.
Ein Vogel, versuchte ich mich zu beruhigen.
Wir befördern ihn am besten in den Biomüll.
Ich fühlte einen Kloß im Hals und musste würgen.
Ich will ihn begraben.
Julian lachte. Wie alt bist du eigentlich?
Alt genug, um einen Vogel zu beerdigen, sagte ich.
Ich legte das Tier auf ein Stück Zeitung. Vergiss nicht die Hände zu waschen, wenn du fertig bist, damit war für Julian die Sache erledigt.
Ich trug die Tierleiche hinunter in den Vorgarten. Unter einem Holunderbusch grub ich eine Kuhle, in die ich das Zeitungsbündel hineinlegte. Dann schob ich die restliche Erde zu einem kleinen Hügel zusammen. Ein Stein würde genügen, so würde ich das Grab jederzeit wiederfinden. Warum ich das Vogelgrab wiederfinden wollte, wusste ich nicht.

Julian und ich sprachen nicht mehr über die Begebenheit, doch wenn ich morgens aus dem Haus ging, fiel mein Blick auf den Kieselstein, und ich sah den Vogel vor mir, wie er auf den Balkonfließen gelegen und mich angestarrt hatte. Wäre er nicht gegen unsere Balkontür geprallt, hätte er sein kleines Vogelleben auf den alten Kirschbäumen und Forsythienbüschen in den Hintergärten weitergelebt. Mich ergriff eine tiefe Wehmut, eine Sehnsucht, die mich verwirrte, weil ich ihr Ziel nicht kannte.

Jeder Tag lief wie der andere ab. Morgens ein schnelles Frühstück mit einer Tasse Kaffee aus dem Automaten, dann radelten wir auf getrennten Wegen zur Arbeit; wenn es einen Film über ferne Länder gab, saß ich abends vor dem Fernseher, andernfalls hörte ich Musik, meistens aus dem Balkan und der Seidenstraße oder ich skypte mit einer Freundin, die seit zwei Jahren in New York lebte.

Eine Woche später, es war Freitag, saß ich allein am Küchentisch, als ich einen dumpfen Schlag hörte. Ich sprang auf und lief zur Glastür. Wieder lag ein Vogel auf den Steinplatten. Er war größer als der von letzter Woche, die Flügelspitzen glänzten metallisch blau. Ich machte mir Vorwürfe, dass ich vergessen hatte, das schwarze Warnsignal an die Scheibe zu kleben. In der Nacht hatte es gefroren und die Erde war eisenhart; ohne einen Spaten konnte ich kein neues Loch graben. Mit einer kleinen Harke öffnete ich die Grube und legte das Paket mit dem zweiten Vogel hinein. Dann rollte ich den großen Kiesel wieder über den Grabhügel und richtete mich auf. Ich blieb eine Weile in Gedanken versunken stehen; mir war, als ob ich auf etwas wartete, aber ich wusste nicht worauf und irgendwann hörte ich auf, mir quälende Fragen zu stellen.

Eines Tages kam Julian aufgeregt von der Arbeit nach Hause. Im Tiergarten war ein junger Wolf verschwunden. Die Tierpfleger hatten ihn überall gesucht, und die Polizei hatte Plakate mit seinem Bild aufgehängt.
„In der Stadt wird er nicht überleben können“, sagte Julian.

Vielleicht hat er den Weg in die Wälder gefunden. Ich glaube es sogar. Es soll ja noch mehr wilde Wölfe geben, sie kommen aus dem Osten zu uns, das habe ich gehört.

Seit wann interessierst du dich für Wölfe, sagte Julian.

Keine Ahnung, in der Mittagspause lese ich Zeitung, die Blätter sind voller Wolfsgeschichten, ich bin selbst überrascht.

Manchmal ging ich allein am Fluss spazieren. Bei jedem Knacken im Gebüsch schreckte ich erwartungsvoll zusammen. Gleichzeitig fürchtete ich mich, denn ich hätte nicht gewusst was tun, wenn plötzlich der Wolf vor mir aufgetaucht wäre.

Julian brachte jeden Abend seine Overalls mit nach Hause, die erbärmlich nach Tierkot stanken. Er stopfte sie in die Waschmaschine und ich trug sie auf den Balkon zum Trocknen. Einmal drehte ich mich um, machte einen Schritt vorwärts und stieß mit dem Kopf an etwas Hartes. Ich ging mit einem Schmerzensschrei zu Boden, dann wurde mir schwarz vor Augen. Als ich wieder zu mir kam, stand Julian mit einem Eisbeutel vor mir. Du willst mit dem Kopf durch die Wand, sagte er.

Der Zusammenstoß hatte etwas in mir bewirkt. Es fing damit an, dass kurz vor dem Einschlafen, in den kostbaren Minuten zwischen Wachen und Träumen, eine Maschine in meinem Kopf zu rattern begann. Ich kann es nicht anders beschreiben, mein Geist produzierte eine Geschichte nach der anderen; Wirklichkeit und Traum verschwammen auf eigenartige Weise. Am meisten verwirrte mich eine Geschichte, in der hunderte von Fledermäusen in unsere Wohnung eindrangen und durch unsere Küche schwirrten. Ich fühlte mich von unsichtbaren Flügeln gestreift, hörte eine Art lautloses Summen und spürte einen Luftzug an meiner Wange.

Für Julian stand fest, dass ich geträumt hatte. Doch nachdem er zur Arbeit gegangen war, suchte ich unsere Wohnung nach kleinen braunen Körnchen ab, den Hinterlassenschaften der Fledermäuse, wie er sie mir beschrieben hatte.

In seinem Arbeitszimmer blieb mein Blick an einem aufgeschlagenen Buch über indianische Mythen hängen. Neugierig las ich: „Fledermaus, heiliges Tier, sie flog zu mir aus der Dunkelheit der Höhle. Geburt, Tod, Wiedergeburt.“ Mir wurde kalt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Julian etwas mit diesen Gedichtzeilen anfangen konnte. Schnell schnappte ich meine Umhängtasche und verließ das Haus. Der Grabstein lag unverrückt an derselben Stelle unter dem Holunderbusch.

Kurz nach Weihnachten brach Julian zu einer längeren Reise nach Afrika auf. Im Januar wurde es bei uns so kalt, dass der breite Fluss von den Rändern her einfror. Dann wurde es wärmer und es fiel Schnee. Der Schnee drang bis in meine Träume, die von Raben, Fledermäusen, Eulen und anderem Getier bevölkert wurden. Schmerzlich vermisste ich Julian; die Wochen vergingen, ohne dass ich etwas von ihm hörte. Wenn ich seine Nummer tippte, war sein Handy tot.

Der Frühling zog schon im März ein, in den Vorgärten blühten die Bäume, Gänseblümchen überzogen die Wegränder und auf den Wiesen sprossen die Krokusse. Im April drehte das Wetter; wieder lag auf dem Kieselstein Schnee. Ich erinnerte mich an einen Song von Prince und sorgte mich um Julian.

Eines Morgens entdeckte ich die Kratzspuren. War es Zufall, dass ich gerade zu dieser Zeit von Wölfen träumte? Doch meine Träume unterschieden sich von den Berichten über die bösen Wölfe in den Zeitungen: ich träumte von einer Wölfin, die liebevoll ihre Jungen umsorgte.

Am Ostersamstag ging ich im Schlafanzug zum Briefkasten und blieb wie angewurzelt stehen. Das Vogelgrab war leer! Der Stein lag an derselben Stelle, doch daneben war eine Kuhle gescharrt. Ein paar Federn, das war alles. Fröstelnd und mit Herzklopfen nahm ich die Post aus dem Kasten, lief zurück in meine Wohnung und legte mich noch einmal ins warme Bett.

Ich fiel in einen tiefen Schlaf. Im Traum machte ich mich in den Wald zu der Fuchshöhle auf. Ich drückte mich durch den engen Gang, je weiter ich vorwärts kam, desto kleiner wurde ich. Nach wenigen Metern erreichte ich die Haupthöhle. Und wirklich, dort lag die Wölfin mit ihren vier Welpen. Die Jungen saugten an den Zitzen der Mutter und schmatzen genüsslich. Ich verlor jede Scheu und legte mich zu den Welpen, die mich in ihre Mitte aufnahmen.

Danach änderte sich mein Leben. Zuerst kündigte ich meinen Job. Am nächsten Tag rief mich eine Bekannte an. Auf einer Reise nach Kirgisistan hatte sie bei einer Nomadenfamilie gelebt und den Leuten ein Geschenk versprochen. Die Familie wartete sehnsüchtig auf die Gabe, doch meine Bekannte konnte in diesem Jahr keine Reise mehr unternehmen. Nun sollte ich an ihrer statt fahren. Sie versicherte mir, dass mich die Nomaden freudig empfangen, ihre Jurte mit mir teilen und mit mir in den Himmel reiten würden. Ihre Bitte traf sich mit meinem langgehegten Wunsch, einmal in der freien Steppe unter glasklar blauem Himmel zu atmen und ich sagte freudig zu. Als Julian eine Woche nach Ostern überraschend nach Hause kam, saß ich auf meinem gepackten Rucksack und wartete auf das Taxi zum Flughafen.

Hier folgt die Gesichte nochmals auf Englisch – viel Spaß!
Ubersetzt von Irmela Krauter-Werner

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Heide- Marie Lauterer

To Allan, 17th of August 2016

Bird

About Bats and Wolves

It was a beautiful bird. It lay on the tiles and looked at me with eyes wide open.
The bird was dead.
It is a jay, said Julian. The balcony door – we should stick a black bird on the window pane.
A strange sadness took hold of me. It is only a bird, I tried to calm myself.
Julian said we should throw it into the organic waste.
I felt a lump in my throat choking me. I want to bury it.
Julian laughed – Really, how old are you?
Old enough to bury a bird, I replied.
I put the bird on a piece of newspaper.
Don’t forget to wash your hands afterwards. Having said this, the matter was closed for Julian. He started reading his mail on his smart phone and disappeared into virtual facebook-worlds.
I carried the body downstairs to the front garden. Under an elderflower I dug a whole and lay the bundle of newspaper into it. I formed a little mound with the remaining soil. A stone would be enough and I could find the tomb any time again. Why I wanted to find the bird’s tomb again, I did not know.
Julian and I no longer talked about the incident, but in the mornings when I left the house I noticed the stone mark and remembered the bird lying on the tiles of the balcony staring at me. Had it not bumped against our balcony door, it would have continued living its little bird’s life in the old cherry trees and forsythia bushes in the back gardens. A deep melancholy befell me, a longing, confusing me as I did not know its aim.
The days were all alike. In the mornings a quick breakfast with a cup of coffee from the machine. Then we left the house and biked on separate ways to work. In the evenings, if there was a film about faraway lands, I would sit watching in front of the TV, otherwise I would listen to music preferably from the Balkans or the Silkroad. I sometimes skyped with a friend, who had already lived in New York for two years.
A week later, on a Friday, I was sitting alone in the kitchen, when I heard a dull thud. I jumped up and went to the glass-door. Again a bird lay on the slab-lined balcony. It was bigger than the one from the week before, its wings shimmered in a metallic blue. I badly blamed myself for having forgotten to stick the black warning signal on the window.
The night before it had been freezing and the soil was as hard as stone, without a spade I could not dig another grave. I opened the ground with a hoe and put the bundle of the second bird in its grave, fixed the tombstone above it and rose. I stood there for quite a while in deep thoughts as if waiting for something but did not know what for. Finally, I stopped torturing myself with questions.
Then, some dsmcay, Julian came home from work – he was terribly exited. A young wolf had escaped from the zoo. The keepers had looked anywhere possible but could not find him. The police had put up posters showing his photo. Julian pointed out that he would not be able to survive in town.
Maybe he has found his way to the woods, I really believe that. There are even more wild wolves supposed to be around. I have heard they are coming from the eastern regions to us.
Honestly -since when have you been interested in wolves then, asked Julian.
No idea, during lunch break I read the newspapers, they are full of stories about wolves, I’m surprised myself.
Sometimes I walked on my own along the river. With each crackling sound in the bushes and hedges I hoped to see the missing wolf. On the other hand I was frightened because I would not have known what to do if suddenly the wolf had appeared in front of me.
Julian took his overalls home every evening which smelled terribly of animal faeces. He stuffed them into the washing machine and I carried them to the balcony for drying. One day, I turned round and bumped with my head, while making a step forward, into something hard. I fell on the floor shrieking in pain and became unconscious. Coming round again, Julian stood there with an ice pack.
You wanted to go head forward through the wall, he explained.
The crash had some effect on me.
In the beginning, shortly before falling asleep, a machine started to rattle in my head, just at the precious moments between being awake and dreaming.
I cannot describe the situation in another way. My mind produced one story after the other. Reality and dream became blurred in a weird way.
Most disturbing was the story about bats swarming in hundreds through our kitchen and the entire flat. I had the feeling that invisible wings touched me, heard a sort of soft hum and felt a breeze on my cheeks.
Julian was sure that I had only dreamed.
When he had left for work, I was searching the flat for signs of tiny excrements, the remains of the bats, as described by him.
In his study my eyes fell on an open book about the mythology of Native Americans. Curiously I read: bat, holy animal, coming to me from the darkness of the cave. Birth, death, rebirth.
I began to feel cold. I could not imagine Julian having anything to do with these lines of a poem. Quickly I grabbed my shoulder bag and left the house. The tombstone lay unmoved, at its place, beneath the elderflower.
Shortly after Christmas Julian set off on a long journey to Africa. In January we had extremely cold weather and the broad river had frozen at the fringes. Finally, it got warmer and snow fell. Snow entered my dreams which were populated with ravens, bats, owls and other horrible creatures. I sadly missed Julian, weeks passed without hearing anything from him. When I phoned him, his mobile was always switched off.
Spring came already in March, and in the front gardens trees bloomed, waysides were covered with daisies and on meadows crocuses flourished. The weather changed in April, snow came back again and lay on the stone which marked the birds’ grave. I remembered a song by Prince and worried about Julian.
I noticed the scratches one morning. Was it a coincidence that I had been dreaming about wolves at that time? But my dreams were different from the reports in the newspapers. I had dreamed about a wolf fondly caring for her puppies.
On Easter Saturday I went to our mailbox in my pyjamas and stopped startled. The grave was empty. The stone was still in its place but beside it there was a whole scraped with paws.
A few feathers were lying around – that was all. Shivering and with my heart beating I picked up the mail, went inside and back in my warm bed. I fell into a deep sleep. In my dream I set off to a fox’s den in the forest. I squeezed myself through the small passage. The further I went the smaller I became. There, the wolf really lay a few meters onwards in the main part of the foxhole, her four puppies around her sucking hungrily at her breasts. I forgot all my shyness and lay down with the puppies, which accepted me in their midst.
My life changed after this dream. First of all I quit my job. Then, the following day a friend called me who had stayed with a Nomad family in Kyrgyzstan on her journey. She had promised those people a thank-you gift. The family was longingly waiting for this donation. The situation was such that my friend could not undertake this journey herself.
Her request met my long-cherished wish to breath under a clear, blue sky in a steppe and I agreed. When Julian unexpectedly arrived a week after Easter, I was sitting on my packed suitcase waiting for the taxi to take me to the airport.

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Heide- Marie Lauterer

Der Planetenmörder

Kürzlich führte mich meine sonntägliche Spazierfahrt in einen kleinen Ort in meiner Nähe. Ich stellte meine Vespa am Marktplatz ab und sah mich in dem Städtchen um. Neben einem Fachwerkhaus entdeckte ich einen steinernen Pfosten, an dem ein mächtiger Eisenring an einer verrosteten Kette hing. In früheren, längst vergangenen Zeiten, wurden Diebe, Mörder und Betrüger mit Hals durch den Ring gesteckt und das Schloss schnappte zu. Da standen die armen Kerle stunden- oder tagelang bei nichts anderem als Wasser und Brot, dem Gespött und den Beschimpfungen der Stadtbewohner ausgesetzt.

Was mich noch mehr interessierte war ein Anschlag der hiesigen Polizeiwache. Ausgerechnet hier in diesem idyllischen Ort, der bekannt war für seinen jahrhundertealten Weinkeller und seine Burg, deren Bergfried wie ein mahnender Zeigefinger in den blauen Himmel ragte, hatten Spaziergänger zwei Leichen gefunden; sie waren ohne Zweifel einem Serienmörder zum Opfer gefallen. Beide Leichen wiesen am rechten Oberarm eine Tätowierung auf, die ein Sternzeichen zeigte. Sie waren mittels eines Metallfadens zu Tode gebracht, – stranguliert – worden. Beide Leichen waren in zwei aufeinanderfolgenden Vollmondnächten im Weinberg Madonnengärtchen gefunden worden.

Dieses Plakat erinnerte mich an mein unruhiges Berufsleben als Privatdetektiv einer großen Krankenversicherung. Seit einem Jahr befand ich mich im Ruhestand und der Himmel weiß warum – überall wohin ich zu meiner Zerstreuung ging, stieß ich auf ungelöste Mordfälle. Während meiner aktiven Zeit hatte ich vielen Kurpfuschern und Scharlatanen das Fürchten gelehrt und so manchen Missbrauch mit Kräutermedizin und sog. esoterischen Heilmethoden unterbinden können. Auch jetzt noch musste ich vorsichtig sein, denn nur zu oft versuchten sich die Übeltäter nach ihrer Haftentlassung an ihren Verfolgern und Richtern zu rächen. Zwei Leichen innerhalb kurzer Zeit nach demselben Muster zu Tode gebracht! – ich konnte mich des dunklen Gefühls nicht erwehren, dass auch der dritte Mord nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Ich brauchte nicht lange zu überlegen, wer das dritte Opfer sein würde.

Doch sollte ich mir deshalb meine Sonntagslaune verderben lassen?

Nein, sagte ich mir und begab mich auf einen kleinen Spaziergang ins freie Feld zum Friedhof. Dort setzte ich mich auf eine Bank und ließ mir die laue Frühlingsluft um die Nase wehen. Ich lehnte mich zurück, streckte mich aus und nickte ein wenig ein; ein paar Minuten später erblickte ich auf dem Parkplatz vor dem Friedhof ein Zirkuszelt. Ich wusste nicht, ob ich wachte oder träumte, denn vorhin waren nur ein paar Fahrräder und zwei kleine Leiterwägen da gestanden. Ich mahnte mich zur Vorsicht, doch meine Neugier war stärker. Obwohl ich den beißenden Geruch wilder Tiere vermisste, zog mich das Zelt magisch an. Über dem Torbogen flackerte eine glitzerblaue Leuchtschrift und ich brauchte eine Weile, bis ich die Buchstaben zu den Worten: „Das Magische Planetarium“ zusammenfügen konnte. Während ich noch unschlüssig da stand, kam ein als Clown verkleideter Eintrittskartenverkäufer aus dem Kassenhäuschen heraus und sprach mich an: „Dein Platz ist noch frei. Beeile dich. Für dich ist alles billig, halbe Preise.“ Ich löste eine Eintrittskarte; kaum war ich durch den Torbogen geschritten, stand ich vor 12 Türen, zwischen denen sich die Zeltplane bauschte; über jeder Tür war eine Tierzeichnung angebracht und über allen prangte die Schrift: „Heute: Tanz in den Tod.“

„Los, entscheide, dich“, rief der Clown. Ich wählte den gehörnten Widder, der so drollig aussah wie aus einem Asterixheft entsprungen. Augenblicklich ergriff mich ein Kribbeln, das sich über meinen ganzen Körper ausbreitete, von den Haarspitzen bis zu den Fußzehen und mich in einen erwartungsvollen Zustand versetzte.

Ausgerechnet in diesem Augenblick fing mein Bein zu schmerzen an und ich schlug die Augen auf. Vor mir lag der Parkplatz, doch er war leer; ich schaute auf die Uhr – eine halbe Stunde war vergangen, ich hatte selig geschlummert und alles nur geträumt. Schleunigst und fast ein bisschen enttäuscht stand ich auf.

Zwei Tage später lockte mich die laue Luft wieder hinaus. Diesmal vermied ich den Marktplatz, um nicht abermals mit dem Mordplakat konfrontiert zu werden; ich fürchtete, von einem dritten Mord erfahren zu müssen, bei dessen Aufklärung man mich sicherlich zu Rate ziehen würde.

Ich steuerte die gemütliche Bank vor dem Friedhofe an und ließ mich nieder. Doch kaum hatte ich es mir bequem gemacht, fiel mein Blick wieder auf das magisch wirkende Zirkuszelt. Alles war wie zwei Tage zuvor, ich vermisste den beißenden Geruch wilder Tiere, der Clown winkte mich zu sich und die Leuchtschrift verkündete den Tanz in den Tod.

Wieder konnte ich meine Neugier nicht bezähmen und ich vergaß die gebotene Vorsicht, die zu meinem Beruf gehört. Forsch durchschritt ich die Tür unter dem gehörnten Widder und befand mich in einer Arena. Rundum glotzten mich die Zuschauer mit weit aufgerissenen Augen und geifernden Mündern an und es war mir, als ob ich einigen von ihnen früher schon einmal begegnet wäre. Schon trat der Magier auf mich zu; auf seinem T-Shirt prangte ein überdimensionaler, knallroter Stern. Er befahl mir, den rechten Oberarm zu entblößen, kaum war mein Arm frei, drückte er mir ein glühendes Brenneisen auf die Haut. „Das ist deine Markierung, ohne die wir dich nicht behandeln können“, raunzte er mir zu.

Ich schaute auf die schmerzende Stelle und nahm zu meiner großen Verblüffung einen gehörnten Widder wahr. Der Geruch nach verschmorter Haut war unerträglich; der Schmerz ließ meine Neugier und Entdeckerfreude einer dumpfen Starre weichen.

„Willkommen im Magischen Planetarium“, rief der Magier und klatschte in die Hände.

Die Zuschauer, in denen ich alle Übeltäter erkannte, die durch meine Ermittlungen gestellt worden waren, fingen zu kreischen an und deuteten mit ihren knochigen Zeigefingern auf mich. Auf einmal fühlte ich mich wie der arme Sünder auf dem Marktplatz. Deutlich spürte ich den eisernen Ring um meinen Hals, das Schloss sprang mit einem Klicken zu. „Du wunderst dich?“ fragte der Magier grinsend. „Heute drehen wir den Spieß um – Du bist markiert und es kann losgehen.“

Er stieß mich mit seinem Brenneisen unsanft an und deutete auf einen Stuhl. Ich setzte mich widerwillig, er klatschte in die Hände und auf einmal zogen zahlreiche Planeten vor mir auf. Sie erschienen in Form von Leuchtschriften, die in die Luft projiziert wurden. Einige davon plumpsten herunter, so dass ich die Schriften entziffern konnte: Jupiter, Merkur, Venus, Sonne, Mond, Saturn, Mars, es ging drunter und drüber. Ein Planet nach dem anderen stellte sich neben mich, und ich schrumpfte zu einer verkrümmten, armseligen Gestalt zusammen. So hatte ich mir mein wohlverdientes Rentnerleben nicht vorgestellt.

„Ich bin in einem Gruselkabinett gelandet“, sagte ich mir und versuchte von meinem Platz aufzustehen. Sofort baute sich der Magier vor mir auf und berührte mich mit seinem glühenden Stab.

„Nichts da! Das Beste kommt erst noch.“ Mit Entsetzen nahm ich wahr, wie er einen dünnen Metallfaden von einer Rolle wickelte, an mir Maß nahm, ihn wie eine Halskette um meinen nackten Hals legte und eine Schlinge zog.

Ich war so schwach, dass ich mich weder erheben noch sonst irgendwie wehren konnte. Der Faden um meinem Hals wurde zu dem eisernen Ring, der enger und enger wurde.

„Wird`s bald“, rief der Magier. Mühsam gelang es mir, mich aufzuraffen. Doch meine Kraft hielt nicht lange vor. Ich rutschte in einen dumpfen Schwächezustand und eine zentimetergroße Schraube bohrte sich in mein Gehirn.

Um mich herum tanzten die Planeten ihren teuflischen Tanz. Sie forderten die Zuschauer auf, zogen sie auf die Tanzfläche, fassten sie um die Taille und lallten eine monotone Melodie: „Wir tanzen, tanzen, tanzen mit dir in den Tod.“

Sie bringen mich um, dachte ich, sie bringen mich um!

Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich war das dritte Opfer, ich war blindlings in die Falle getappt – wie hatte ich nur so dumm sein können!

In diesem Augenblick kam ich zu mir. Ich lag auf der Bank vor dem Friedhof. Mir rann der Schweiß in Bächen von der Stirn. Mühsam richtete ich mich auf und massierte meine schmerzenden Glieder. Der rechte Arm tat höllisch weh und ich krempelte meinen Hemdsärmel hoch um nachzuschauen. Da prangte das eingebrannte Zeichen, der gehörnte Widder. Ich schaute auf – aber das Zirkuszelt war verschwunden!

Auf dem Parkplatz stand ein Polizeiauto, vor dem sich eine Menschentraube gebildet hatte. Schwankend ging ich dorthin und erkundigte mich, was geschehen war.

„Die Polizei hat den Planetenmörder gefasst!“, sagten die Leute. Immer mehr Menschen drängten sich um den Wagen und die Luft vibrierte von ihrem Gemurmel.

„Sie haben ihn gefasst“, hörte ich immer wieder.

„Wann?“ fragte ich zitternd und einer aus der Menge antwortete mir: „Gerade als er das dritte Opfer erdrosseln wollte, es war schon markiert – Sie wissen ja, mit diesem wundersamen Brandzeichen.“

„Doch nicht einem gehörnten Widder?“, murmelte ich und wandte mich schauernd ab. Ich hatte genug gehört, mehr brauchte ich nicht zu wissen. Während ich zurück zu meiner Bank ging, schwor ich mir, nicht weiter nachzuforschen. Ich war mit dem Leben davon gekommen, wenn auch nur knapp, und das war mir in diesem Augenblick das wichtigste.

3. 2016 © Heide-Marie Lauterer

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Heide-Marie Lauterer

Born to be wild Die wahre Geschichte von Rita, dem verrückten braunen Huhn

Huhn Graphik

Born to be wild, stand vorne auf dem T-Shirt; es gehörte dem großen braunen Huhn. Leben um frei zu sein! Doch das große braune Huhn fühlte sich auf dem Hühner-Hof nicht wohl. Wozu braucht ein Huhn ein T-Shirt, wenn es Federn hat, sagten die weißen Hühner. Sie pickten dem großen braunen Huhn die Körner weg und kackten genau vor seinen Schnabel. Dann pickte das braune Huhn zurück und die weißen Hühner wurden immer wütender. Es war ein schreckliches Leben und die Bäuerin war eine alte Hexe. Sie hatte nichts als Kontrolle im Kopf.

Aber das Huhn gab nicht auf. Eines Tages, als die weißen Hühner auf der Stange saßen und dösten, was selten genug vorkam, fand es unbemerkt ein Loch im Zaun.

Das Huhn zwängte sich hindurch, tippelte hastig die Dorfstraße hinunter und auf einmal verstand es, was auf seinem T-Shirt stand. Born to be wild, das war dieses Gefühl auf der Straße zu sein, immer geradeaus und von nichts und niemandem zurückgehalten zu werden. Leise gackerte es vor sich hin, der Wind blies ihm in die Federn, und streichelte seinen wunderschönen roten Kamm. Es lief und lief und kam bis ins Dorf. Dort war eine Kreuzung.

Das Huhn kannte keine Kreuzungen, im Hühnerhof gab es den Zaun und die weißen Hühner und damit fertig. Wohin sollte es jetzt gehen?

Auf einmal spürte es einen wohlbekannten Druck und einen Drang loszulassen, da setzte es sich mitten auf die Kreuzung. Gack, gack, gack, hab, hab, hab gel… gelegt wollte es gerade gackern, da hörte es ein lautes Hupen. Oh je, dieser Ort war nicht ideal zum Eierlegen. Autos hielten, Mütter drückten auf die Hupen, Mofas verpesteten die Luft und eine Bande Schulkinder organisierte ein Klingelkonzert. Alle wollten vorwärts, schnell über die Kreuzung und in die Stadt. Aber das Huhn konnte nicht weg, es musste sein Geschäft verrichten, es musste das tun, wozu es geschaffen war. Eine Autotür knallte. Dann kamen Schritte, energische Schritte. Das Huhn blickte grimmig auf, Hände packten es, das Huhn zog seinen Hals ein, born to be wild, ich bin frei geboren und ungebunden, ich muss mich wehren, dachte es, nein, ich gebe nicht auf, niemals! Und auf keinen Fall gehe ich zurück in den Gefängnishof!

Aber was war das? – Die Hände waren so weich und sanft und liebevoll! Die sanften Hände setzten es in eine Box auf einen Pickup Truck. Körner lagen auf dem Boden und weiches Heu und dort machte es sich das Huhn bequem. Das Auto fuhr an und hielt bald wieder. Türeschlagen, der Käfig wurde geöffnet und jemand sagte zu dem Huhn, „Los, raus mit dir!“

Das Huhn befand sich auf einem Hof, der ihm sofort gefiel. Eine Katze kam und schnupperte an seinen braunen Federn; hier wird man gesehen und respektiert, sagte sich das Huhn. Etwas grunzte, das war ein Schwein. Bei der Bäuerin gab es auch Schweine, aber die saßen in einem Dreckloch und durften nicht heraus. Dieses hier hatte eine rosa Haut, rüsselte über den Hof und wälzte sich im Staub, der reichlich vorhanden war. Das braune Huhn fand das Schwein sehr sympathisch. Am freundlichsten war das scheckige Pony, es lud das Huhn ein, auf seinen Rücken zu fliegen.

„Ich?“, sagte das Huhn.

„Ja, du könntest mir eine Pickmassage geben, soll gut fürs Fell sein!“, sagte das Pony.

„Ich brauch noch ein bisschen Zeit!“ sagte das Huhn, denn es fühlte schon wieder einen Druck. Jetzt musste es endlich raus! Schnell tippelte es zum Heuhaufen, setzte sich hinein, ruckelte sich das Heu zusammen und dann ließ es einfach los. Es war das schönste Ei, das es jemals gelegt hatte. Hier will ich fortan meine Eier legen, dachte das Huhn. Doch gerade da verdunkelte sich die Sonne und eine Stimme sagte: „Es hat gelegt! Es hat ein Ei gelegt!“ Die Stimme gehörte zu einer jungen Frau in einem weißen Kittel mit Pferdeschwanz und Sommersprossen auf der Nase. Weißen Kitteln durfte man nicht trauen. Das Huhn plusterte sich ein bisschen auf und gackerte ängstlich.

Frau Doktor“ sagten sie zu der Blonden. „Frau Doktor, was Sie da wieder mitbringen – hoffentlich nicht gestohlen?“

„Nein, ich hab‘s gerettet, das Huhn saß auf der Dorfkreuzung und war vollkommen kopflos. Aber bei uns scheint es sich wohlzufühlen. Es soll erst mal hierbleiben“, sagte der weiße Kittel und das Huhn hatte auf einmal keine Angst mehr.

„Aber wenn es abgehauen ist?“, sagte jemand. Da kam die Angst zurück, die Todesangst. Ogottogott, gackerte das Huhn, jetzt holen sie die Bäuerin und die alte Hexe nimmt mich wieder mit!
„Wir warten einfach ab“, sagte die Frau Doktor.

Es war wie im Paradies, Staub und Körner überall und nachts durfte das Huhn auf einem Ast schlafen. Die Welt roch nach Freiheit und Abenteuer, so wie es sein sollte und auf dem T-Shirt stand. Eine Woche verging und noch ein Tag.

Doch am nächsten Tag war alles vorbei. Die krumme Bäuerin zeigte mit ihrem Krückstock auf das Huhn. „Es gehört mir“, sagte sie. Die alte Hexe! Das Huhn gluckste und ruckste vor Angst. Doch da geschah etwas, womit niemand gerechnet hätte. Am wenigstens das braune Huhn. „Sie können es behalten“, sagte die Hexe. „Sie werden schon sehen, was sie davon haben! Das Huhn ist böse, ein Teufelshuhn. Es hat keine Eier gelegt und es hat die weißen Hühner aufgemischt. Und dieses verrückte Unterhemd! Wo gibt es denn sowas! Behalten sie es!“ Die Alte drehte sich auf dem Absatz um und humpelte davon.

Ab jetzt herrschte Ruhe und Frieden und nachts funkelte der Sternenhimmel durch die Zweige.

Manchmal kam ein Auto und ein kleiner Junge saß darin. Er konnte nicht laufen und nicht richtig sprechen. Vom ersten Augenblick an schloss ihn das Huhn ins Herz. Es konnte kaum warten, bis die Wagentür aufging, dann flog es dem Jungen auf den Schoß. Der kleine Junge streichelte es, jauchzte und weinte Freudentränen. Dann wurde er auf den Rücken des scheckigen Ponys gehoben, das Onkel Sam hieß. Und das Huhn? Es flatterte auf Onkel Sams Rücken und pickte dem Pony ganz sacht in den Hals, eine Pickmassage, so wie es sich das Pony gewünscht hatte. Das braune Huhn musste höllisch aufpassen, dass es dort oben kein Ei legte, denn es wäre bestimmt auf den Boden gefallen.

So ging es eine liebe lange Zeit. Das T- Shirt bekam allmählich Löcher und es war niemand da, die es stopfte.

Eines Tages kam wieder ein Auto. Das Huhn lief ihm entgegen, wie es immer dem Auto mit dem kleinen Jungen entgegengelaufen war. Die Tür ging auf, – oh Schreck lass nach! Eine wilde Bestie sprang heraus und packte das Huhn an den Flügeln. Es flatterte und flatterte, es war ein schreckliches Gefühl. Das Huhn war so unvorsichtig geworden. Bin doch ein verrücktes Huhn, dachte es noch und dann verlor es das Bewusstsein. Es kam erst wieder zu sich, als es im Heu lag, da wo es sonst immer die Eier hingelegt hatte. Doch an Eierlegen war nicht mehr zu denken. Irgendwas stimmte nicht mit seinem Flügel. Er schmerzte und ließ sich nicht bewegen. Das Huhn drehte seinen Kopf und dann sah es da, wo sonst die braunen, großen Federn waren, etwas weißes. „Du musst jetzt ein bisschen Geduld haben“, sagte die Frau Doktor, „es wird schon wieder. Dein T-Shirt habe ich gewaschen, wenn dein Flügel wieder heil ist, bringe ich es dir zurück. Bis dahin kriegst du einen Namen. Du heißt jetzt Rita Mae Braun, wie die große Schriftstellerin. Solange du keine Eier legen kannst, kannst du vielleicht Geschichten erzählen.“

Gack, gack, gack, machte das Huhn und je länger es gackerte, desto mehr verschwand seine Traurigkeit. Die Tiere liefen auf dem Hof zusammen und scharten sich um Rita Braun. Aufmerksam hörten ihr die Tiere zu. Wenn sie fertig war und ermattet ins Heu sank, kläfften, grunzen und miauten sie und Rita freute sich ihres neugewonnenen Lebens und sie spürte, wie die Flügel langsam wieder wuchsen. So lebten sie glücklich auf dem Hof. Das Huhn trug auch wieder das schöne T-Shirt. Born to be Wild stand drauf, deutlich lesbar für alle. Das ist mein Leben, dachte Rita, geboren um wild und frei zu sein! Sie lief auf dem Hof herum, pickte und gackerte und pickte und gackerte.

Doch leider war nicht alles so, wie es sein sollte. Jeden Morgen schaute sich Rita nach dem kleinen Jungen um und lief blind zu jedem Auto, das auf den Hof kam. Die Frau Doktor warnte und warnte, sie sollte nicht kopflos, wie ein verrücktes Huhn zu den Autos rennen. Doch das Huhn hörte nicht. So groß war die Sehnsucht nach dem Jungen und der Wärme, die es auf seinem Schoss gespürt hatte. Der kleine Junge aber war längst in die Stadt gezogen, weil es ihm schon viel besser ging; aber das wusste das Huhn nicht.

Eines Tages kam wieder ein Auto, die Tür ging auf und da waren diese schrecklichen Zähne und ein blutroter Rachen und ein ohrenbetäubendes Gebell und das Aufheulen der Tiere und dann wurde es schwarz, nur noch schwarz, schwarz, schwarz.

Das braune Huhn wurde auf dem kleinen Tierfriedhof gleich hinter dem Haus begraben. Alle Tiere nahmen an der Feier teil. Die Frau Doktor hüllte es in ein Tuch, mit der Aufschrift „Rita Mae Braun, Born to be wild“, sie trug es zu Grabe und weinte heiße Tränen. Das Pony kniete vor der Grube nieder und fühlte noch einmal die Krallen von Rita auf seinem Rücken und die Katze miaute ein Abschiedslied, in dem viel von Wiedersehen im Tier-Himmel die Rede war. Wir danken dir, Rita für deine Freiheitsliebe, grunzte das Schwein. Wir werden dir ein ehrendes Angedenken behalten, iahte der Esel. Die anderen hielten das, war er sagte, für viel zu pathetisch und auch grammatikalisch für nicht ganz richtig. Aber der Esel war ja noch nicht lange auf dem Hof und mit der Zeit würden sich seine Worte schon ändern. Man konnte schließlich nicht verlangen, dass alle so schön gackerten, wie Rita es verstanden hatte. Auch sie hatte schließlich das Gackern erst mit der Zeit und nach vielen schmerzlichen Erfahrungen lernen müssen. Diese Geschichte würden die Tiere dem alten Esel erzählen und wer weiß, vielleicht fing er ja selbst einmal zu gackern an!

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 Heide-Marie Lauterer

Mein schönstes Weihnachten

Dezember 2015

Dezember war der schrecklichste Monat von allen, weil er auf Weihnachten zulief. Ostern hatte familienmäßig auch seine Tücken, aber verglichen mit den weihnachtlichen Strapazen waren sie harmlos. Warum? Ganz einfach: weil an Ostern niemand auf die Idee kam zu singen.

Gegen die Geschenke hatte ich nichts einzuwenden. Meinen eigenen Wunschzettel lieferte ich immer frühzeitig ab, weil ich vor unliebsamen Überraschungen sicher sein wollte.

Am Weihnachstabend gab es bei uns immer nur belegte Brötchen, mit gekochtem Schinken, falschem Lachs und Scheibletten-Käse, verziert mit Kapern, Paprikastaub und Salzstängelchen. Großmutter schmierte sie für uns am Nachmittag, während mein Bruder und ich unsere selbstgebastelten Geschenke einpackten. Bei mir waren es immer Handarbeiten. Ich stickte für mein Leben gern, am liebsten Kreuzstich; und wenn mich meine Eltern geärgert hatten, oder mich mein kleiner Bruder zur Weißglut reizte, war mir der Kreuzstich ein wahres Labsal. Ich rief mir die Person, die mich in meiner Würde verletzt hatte, ins Gedächtnis, stellte mir ihren Oberschenkel oder Unterarm vor und stach zu. Nach fünf Zentimetern war ich meistens wie ausgewechselt und sanft wie ein Lamm.

„Die Brötchen entlasten die Hausfrau“, sagte mein Vater, „Weihnachten ist das Fest der Liebe und da kommt es nicht aufs Essen an.“ Aber das sah mein Bruder anders. Für ihn war Weihnachten ein Fest, und da wollte er Braten auf dem Teller; jedes Mal musste er hungrig zu Bett gehen.

Das Essen war mir egal. Mich nervte das Klavier. Es hatte meinem Vater gehört, doch als er in die Hitlerjugend eintrat, hatte er das Klavier links liegen lassen und so kam es, dass es als Möbelstück herhalten musste. Bis ich auftauchte, diente das Drum als Kommode, in der meine Großmutter unbezahlte Rechnungen und Geburtstagsbriefe aufbewahrte.

Als meine Hände groß genug waren, um eine Oktave zu greifen, durfte ich Klavierstunden nehmen. So hieß es nach außen, doch ich wurde nicht gefragt. Ich hätte natürlich „Nein“ gesagt, und das wussten sie. Mein Herz hing an einer Gitarre, und diesen Herzenswunsch schrieb ich jedes Jahr aufs Neue auf meinen Wunschzettel. Weil das Klavier nun einmal da war und mein Bruder alles tat, um sich unmusikalisch zu erweisen, musste ich zu der Frau Doktor Hübsch. Sie wohnte in der Nachbarschaft, doch immer wenn ich bei der Klavierlehrerin ankam, hätte ich vor Müdigkeit umfallen können.

Noch schlimmer als die Klavierstunde war das Üben. Dreimal in der Woche rückte meine Großmutter den Drehschemel zurecht und platzierte sich neben mich. Sie konnte Noten lesen, aber nicht spielen. Es läge an ihren Händen, sagte sie. Hausfrauenhände. Sie war Witwe, was bedeutete, dass sie im Haus und Garten alles selber machen musste, weil wir keinen Opa hatten. Vor seinem Tod, der lange vor meiner Geburt erfolgt war, hatte er alles genau geregelt. Die Großmutter hielt sich an diese Regeln, weil sie die einzige war, die diese Regeln kannte.

Sie wusste ALLES. Immer wenn mein Spiel stockte, drückte sie ihren Zeigefinger auf eine schwarze Taste und schrie: Fis! Dabei wusste sie genau, dass ich überhaupt nichts von den schwarzen Tasten hielt und absichtlich nur auf den weißen spielte.

Auf Wunsch der Großmutter übte die Frau Doktor Hübsch schon Wochen vor Weihnachten mit mir Weihnachtslieder. Ohne Weihnachtslieder gab es keine Bescherung und ich beugte mich der Gewalt, aber nur, weil auf meinen Wunschzettel überlebenswichtige Dinge standen. Außer der Gitarre wünschte ich mir Bücher; instinktiv wusste ich, dass ich Vorbilder brauchte; meine Helden hießen: Pippi Langstrumpf, Das doppelte Lottchen, Winnetou und Huckleberry Finn. Bei ihnen fühlte ich mich wohl, weil ich spürte, dass ich mit meinem schweren Los nicht allein auf der Welt war.

Es war Jahr um Jahr dieselbe Prozedur, und die Situation wurde von Mal zu Mal unerträglicher. Ich auf dem Drehstuhl mit der Familie im Rücken. Meine Mutter bemühte sich mitzusingen, was ihr jedoch nicht gelang, weil ich sehr flott spielte. Wenn ich vorzeitig den Deckel zuklappen wollte, schüttelte Großmutter mahnend den Kopf. „Der Opa hat es so gewollt.“

Das doppelte Lottchen brachte mich auf die rettende Idee. Und die hieß Uschi. Uschi war meine beste Freundin. Sie sah genauso aus wie ich, hatte meine stämmige Figur, struppiges blondes Haar und meine Größe. Ab und zu tauschten wir unsere Kleider und sie war scharf auf meinen Norwegerpulli, den mir Max vermachte, weil ihm seiner zu klein war und er einen neuen von seiner Oma bekam.

Uschi ging zweimal die Woche zur Stunde und übte jeden Tag freiwillig. Weil ihre Mutter arbeiten gehen musste, fing Weihnachten bei ihnen später an. Bei uns ging der Zirkus schon um fünf Uhr los, bei Uschi erst um acht.

Was ich vorhatte, war mit einem Angriff auf die Komantschen vergleichbar. Ich musste im feindlichen Lager für Verwirrung und Streit sorgen, dann achteten sie nicht auf Äußerlichkeiten. Auf meine Familie übertragen hieß das: ich musste Mutter, Großmutter und Bruder an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringen, und der Erfolg meiner Aktion war garantiert.

Die Modelleisenbahn im Zimmer meines Bruders eignete sich für meine Weihnachtsvorbereitung am besten. Wochenlang lag über unserem Dachgeschoss ein betörender Patex-Geruch. Mit diesem Klebstoff leimte mein Vater die putzigen Fallerhäuschen zusammen, die in der Mitte der grünen Sperrholzplatte herumstanden. Der Geruch war jenseitig, und ich stellte mich freiwillig zum Zusammenbauen der Häuschen zur Verfügung. Mein Bruder, der einschlägige Erfahrungen mit Lösungsmitteln gesammelt hatte, legte mir nahe, eine Plastiktüte über meinen Kopf zu stülpen, um den Geruch zu intensivieren. Aber er wurde fuchsteufelswild, wenn ich ohne seine Erlaubnis eine Lok auf die Gleise stellte und am Trafo drehte. Wenn die Bahn aus den Gleisen sprang, entstanden Blitze und es knisterte und knarrte zauberhaft. Dann lief mein Bruder rot an und schrie: „Die Eisenbahn gehört mir! Du machst alles kaputt.“

„Quatsch“, sagte ich, „es hat nur einen Kurzschluss gegeben.“ Mein Widerspruchsgeist brachte ihn erst recht in Rage und er ging knallrot und mit geballten Fäusten auf mich los. Selbstverständlich hatte ich einkalkuliert, dass der Rohrstock meines Vaters nicht zum Einsatz kommen würde. Wie gesagt, Weihnachten war das Fest der Liebe, und meine Mutter hätte es ihm nie verziehen, wenn er an diesem Abend kurzen Prozess gemacht und mich übers Knie gelegt hätte.

Ich schärfte Uschi ein, dass sie auf keinen Fall mehr als drei Lieder spielen durfte. „Uschi“, sagte ich, „du bist ICH! Kapiert?“ Es fiel ihr sichtlich schwer, ihre Begeisterung für das Vorspielen zu verbergen, doch die Aussicht auf den Norwegerpulli machte sie gefügig.

Leider schaffte sie es nicht, meinen mürrischen Hammer-Stil zu imitieren. Sie spielte so, dass sogar mir die Tränen in die Augen traten. Schnell winkte ich ab. „Genug! Drei Lieder und dann sagst du, du musst aufs Klo. Und ich warte mit deinem Mantel vor der Tür und lass dich raus.“

„Und der Pulli?“

„Er kommt, großes Indianerehrenwort!“

Am Weihnachstabend klappte alles wie am Schnürchen. Obwohl ich mir sicher war, dass niemand während des Klavierspiels austreten würde, versteckte ich mich im Wandschrank. Kurz bevor Uschi Ihr Kinderlein kommet spielte, schlich ich mich hinaus und lugte durch den Türspalt, in das schummrig von Kerzen beleuchtete Zimmer. Mein Bruder saß auf dem Sofa, eingeklemmt zwischen Vater und Mutter, sein Kopf war knallrot vom Schreien, und seine kurzen Mecki-Haare standen stachelig vom Kopfe ab. Meine Mutter hielt die Augen geschlossen, wegen ihrer Migräne vermutlich. Vaters Lippen waren ein schmaler Strich. Großmutter thronte auf ihrem Sessel am Fenster, neben sich ein halbvolles Schnapsglas.

Was ich gesehen hatte, reichte aus. Ich zog mich in den engen Wandschrank zurück und genoss eine himmlische Ruhe. Es roch angenehm nach altem Leder und Schuhcreme, es war dunkel und warm, so dass ich ein wenig eindöste. Um ein Haar hätte ich den Augenblick verpasst, um Uschi hinauszulassen. „Denk an den Pulli“, zischte sie mir zu, als ich sie zur Haustür hinausschob. Ich hatte es geschafft! Leise schloss ich die Tür und betrat das Wohnzimmer. Sie saßen alle noch so da, wie vor ein paar Minuten. Doch irgendetwas stimmte nicht!

Meine Mutter hatte ihren Arm um die Schulter meines Bruders gelegt. Die Hand meines Vaters lag auf ihrem Arm und er lächelte. Mein Bruder räkelte sich wohlig am Busen meiner Mutter und meine Großmutter lallte vor sich hin: „Ach, war das schön.“ Als sie mich sahen, sprangen alle auf. Meine Mutter kam auf mich zu und schloss mich in die Arme. „Dass du so schön spielen kannst!“ Meine Großmutter nickte mir aufmunternd zu. Irgendetwas war schief gelaufen, ziemlich schief sogar. „Dass du so schön spielen kannst!“, sagte mein Vater ungläubig. „Das hat sie von mir. Ich wollte immer Pianist werden.“

Meine Mutter sagte: „Beinah hätten wir dich abgemeldet. Aber von jetzt an darfst du zwei Mal die Woche zur Frau Doktor Hübsch, so wie die Uschi.“

„Und die Gitarre tauscht das Christkind bestimmt wieder um“, sagte meine Großmutter.

Ich war so baff, dass ich nur noch auf Rache sinnen konnte. Zuerst wollte ich den Norwegerpulli nicht hergeben. Aber dann dachte ich an mein großes Indianerehrenwort und gab mir einen Ruck: Übermorgen würde ihn mir Max bringen und ich konnte mir ja immer noch überlegen, ob ich der Uschi lieber meinen alten schenken sollte. Aber zuerst würde ich mir das Christkind vornehmen; ich war mir ziemlich sicher, dass ich die Gitarre behalten durfte.

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