Meine Rezensionen

John Dos Passos: Manhattan Transfer
rororo 25. Aufl.

Das schlimmste, das mir ein Buch antun kann ist, dass mir die Augen beim Lesen zu fallen;
dabei verliefen die ersten 50 Seiten mit dem Buch in meinem blauen Sessel so, wie ich mir eine interessante Lektüre vorstellte – anregend, staunend über die Kraft der Bilder, die Vielfalt der Themen, die Gestaltung, neugierig darauf, wie es weitergeht. Doch dann begann das alte Lied – mir fielen die Augen zu, ich musste zurückblättern, kaum dass ich das Lesen unterbrochen hatte, um mir in der Küche einen Orangensaft zu holen. Wenn ich das Buch zur Seite legte und es am nächsten Tag wieder aufschlug, dann war es, als ob ich ein völlig neues Buch zur Hand genommen hätte.

Doch in Wirklichkeit hatte mich das Buch in der Hand und zwar fest. Ich schlug es auf und war nicht mehr Herrin über meine Gefühle. Ein Groll packte mich, dessen Grund ich nicht überblickte, Müdigkeit erfasste mich, obwohl ich ausgeruht war, Langweile packte mich, obwohl ich doch lesen wollte. Doch irgendwie wollte ich nicht aufgeben. Also blieb ich dran, auch wenn es mir schwer fiel.

Und auf den letzten Seiten wurde meine Hartnäckigkeit belohnt. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, um einmal dieses wunderbare Klischee zu gebrauchen. Auf S. 329 sagt eine der Hauptfiguren Ellen, Ellie, Elaine, Helena (warum sie zum Schluss auch noch Helena heißt?) „Man könnte so vieles erleben, wenn man nicht immer Rücksicht nehmen würde. Rücksicht? Wozu, worauf? Auf die öffentliche Meinung, auf das Geld, auf den Erfolg, auf die Hotelvestibüle, auf die Gesundheit, auf die Regenschirme, auf den Uneedazwieback…Wie ein zerbrochenes, mechanisches Spielzeug, so schnurrt immerzu mein Hirn, brrr.“

Genau so geht es mir mit diesem Buch, dachte ich. Was hätte ich in der Zeit alles erleben können, wenn ich nicht aus Rücksicht, oder Pflichtgefühl oder Angst vor der Schelte der Buchklubfreunde zur Lektüre gezwungen hätte.

Diese Ellen kam mir vor wie eine Marionette, die immer das tut, was die anderen von ihr verlangen und das, obwohl sie oberflächlich, das heißt von außen gesehen, eine selbständige, berufliche erfolgreiche Frau ist, sexy, gutaussehend, attraktiv. „Er zeigt mich gern her, herausgeputzt wie ein Weihnachtsbaum, wie eine Puppe, die sprechen und laufen kann, hol ihn der Teufel.“ Damit meint sie ihren dritten (Oder war es der vierte?) Ehemann George Baldwin, den sie am Schluss heiratet.

Warum sich diese Ellen mit den vielen Namen so entwickelt, wie sie sich entwickelt hat, nämlich zu einer bloßen Hülle (einem Blechspielzeug, das innen hohl ist), das zeigt uns Dos Passos nicht. Auch bei seinen anderen Figuren zeigt er es uns nicht. Was er uns anbietet, sind immer wieder neue Bilder, kurze Szenen, in die er seine Figuren hineinwirft, hineinrennen lässt, hineinirren und hineinfahren lässt.

Dauernd ruft jemand „Taxi“ oder quetscht sich in die Untergrundbahn. Die Figuren müssen sich sehr schnell bewegen, damit die Handlung weiterläuft, denn die Bilder, die Dos Passos uns zeigt, sind Standbilder. Da tut sich nichts, sie sind wie Gemälde ohne Tiefenschärfe, flach. Wie ein Film in den Anfängen des Filmes, als man noch ahnte, dass der Film aus einzelnen Bildern bestand. Das Tempo ist schnell – es ist nicht das Tempo, das der Erzählung immanent ist, sondern es ist das Tempo, das durch das Aufeinanderfolgen der Bilder entsteht. Gefühl und Innenleben der Figuren haben da keinen Raum, auch ihre Visionen, Zukunftspläne, ihre Lebensentwürfe, passen nicht in die hektische Abfolge der Szenen. Ungefähr nach der Mitte des Buches nimmt das ohnehin schnelle Tempo an Geschwindigkeit noch zu. Figuren tauchen auf, die wir bisher nicht gekannt haben, die Szenen werden kürzer und alles scheint sich wie ein Karussell um die eigene Achse zu drehen.

Mir kommt es so vor, als ob der Autor gegen Ende des Buches seiner Figuren müde war und selbst nicht mehr wusste, wohin sie ihn führen sollten, weshalb er immer neue Personen einführen musste, um seine eigene Langweile zu übermalen. Er gönnt ihnen nichts, kein Lachen, keine Freude, keine menschliche Wärme, keine Entwicklung, keine Liebe. Es ist schwer, dieses Gewimmel dreihundert Seiten lang mit anzusehen.

Und deshalb herrschte am Ende zwischen mir als Leserin und dem Text ein großes Einverständnis:

Sagen Sie mal, darf ich mitfahren?“ fragt er den rothaarigen Chauffeur. Wie weit wollens denn?“ „Das weiß ich nicht. Ziemlich weit“

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Wiebke Hartmann: Der Reisende ohne Schatten. Nachdenken über Migration, Identität, Heimat und Menschenrechte Königshausen & Neumann, 2013

Wir alle kennen das Gefühl fremd zu sein. Es kann einen jederzeit überfallen, beim Auszug von Zuhause, beim Beginn des Studiums in einer anderen Stadt, beim Umzug in eine andere Wohnung in einem anderen Stadtviertel. Das Gefühl des Fremdseins ist oft der Vorbote einer Reifungskrise, die wir durchleben müssen. Doch anders als in Gottfried Benns Gedicht: „Reisen“, ist es nach Wiebke Hartmanns Aufzeichnungen nicht „die Leere“ im Kopf, die einem in der Fremde unerwartet zu schaffen macht; es sind im Gegenteil die vielen autorbiografischen Geschichten, die der oder die Reisende in der Fremde, und sei sie noch so nah, nicht mehr los wird; Geschichten, die sie nicht mehr erzählen kann, weil sich niemand mehr für sie interessiert.

Richtig schlimm aber wird dieses Verlassenheitsgefühl, wenn wir für einen längeren Zeitraum in ein fremdes Land reisen, dessen Sprache wir nicht sprechen. Wenn das Ende unseres Aufenthaltes nicht absehbar ist, weil wir uns zur Emigration entschlossen haben, oder weil wir gezwungen wurden, auszuwandern, kann sich das anfängliche Verlassenheitsgefühl zu einer schweren Lebenskrise auswachsen.

Dass solche Erfahrungen in unserer globalisierten Welt nichts Ungewöhnliches sind, darüber berichtet die Heidelberger Autorin Wiebke Hartmann. Ihr Nachdenken über Migration, Identität, Heimat und Menschenrechte ist von ihren eigenen, manchmal schmerzlichen, Erfahrungen in der Fremde geprägt. Diese kursiv gesetzten Passagen machen das Buch lebendig und interessant. Jeder, der einen längeren Auslandsaufenthalt hinter sich hat oder mit ausländischen Kollegen und Freunden zu tun hat, wird sich hier wiedererkennen können.

Wiebke Hartmann reflektiert ihre eigenen Erfahrungen des Fremdseins aus verschiedenen Blickwinkeln der unterschiedlichen Fachrichtungen. Historische, psychologische, ethische, philosophische, familiensoziologische und literarische Aspekte werden erörtert.

Nach der Lektüre des Bandes stand mir der Gehalt des einleitenden Kafka-Zitates deutlich vor Augen: „Sie sind nicht aus dem Schloss, Sie sind nicht aus dem Dorf. Sie sind nichts. Leider sind sie aber doch etwas, ein Fremder, einer der überzählig ist.“

Das Buch stellt die negativen, schmerzlichen Erfahrungen und Auswirkungen der Migration in einer globalisierten Welt überdeutlich heraus. Doch wäre es nicht möglich, in gleicher Weise auch die Gegenseite herauszuarbeiten? Die geglückte Migration, das erfolgreiche Einleben in eine neue Gemeinschaft? Dass dieses gelingen möge, dazu beizutragen ist unsere Aufgabe. „Der Reisende ohne Schatten“ kann uns dabei helfen, indem er uns lehrt, den Fremden in seiner Ganzheit als Mensch zu verstehen und ihn oder sie als unseres Gleichen zu erkennen.

Heide-Marie Lauterer

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Susanne Hoffmann: Anjou und die Burg der Spiegel
Spiritueller Roman. Spiritbooks 2014

Mit 14 Jahren ist Anjou am Ende. Er wächst mutterlos auf, sein Vater hat eine herzlose Freundin und Anjou soll eine junge, halbtote Krähe aufpäppeln. Der Junge nimmt die Herausforderung an, doch in dem Augenblick, als es der kleinen Krähe Ronda wieder besser geht und sich eine enge Beziehung zwischen dem schwarzen Vogel und dem Jungen entwickelt, soll Ronda am „Birdisday“ dem Schwarzen Ritter geopfert werden. Durch einen beherzten Sprung in den Brunnen am Tag des grausligen Rituals kann Anjou seine Freundin retten, doch er selbst findet sich in einer fremden, unheimlichen Umgebung wieder. Jetzt ist es Ronda, die ihn in diesem „Fremdland“ zu Seite steht und ihn auf seiner langen und gefährlichen Reise begleitet.

Die Autorin erzählt in ruhiger, klarer Sprache von dieser aufregenden Reise, die Anjou zu seiner geliebten, schmerzlich vermissten Mutter und gleichzeitig zu sich selbst führt.

In diesem Roman wendete die Autorin die Prinzipien der “Heldenreise“, nach der alle großen Hollywoodfilme gebaut sind, auf einen spirituellen Roman an. Lässt man sich auf diesen Text und seine Symbolsprache ein, spürt man etwas von den heilenden Schwingungen, die dieses Buch durchziehen.

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Maren Diehl: Die Pferde sind nicht das Problem – Keine Reitlehre
Spiritbooks. 29, 90 Euro. ISBN 9783944587110

Mal ehrlich, macht Reiten Spaß? Ich meine wirklich Spaß! Gute Frage? Ein paar Angebote: Wenn er einfach nicht angaloppieren will. Wenn sie dauernd den Kopf hochreißt und alle zugucken. Wenn es meine Hilfen zum Rückwärtsrichten nicht versteht. Wenn mir meine Ellbogen wehtun, weil er sich so auf die Zügel legt. Wenn er auf einmal durchstartet und dann auch noch nachbuckelt, wenn er dann am nächsten Tag lahmt und ich die Tierarztkosten vom letzten Mal noch nicht bezahlt habe. Wenn – okay, gut! Ich glaube das reicht. Nein, wenn das Reiten sein soll, dann macht es keinen Spaß! Mir jedenfalls nicht mehr. Aber warum reite ich dann immer noch, oder warum habe ich mir dann ein Pferd gekauft? Weil ich bescheuert bin? Nein!

Die gute Nachricht, die uns Maren Diehl gibt, heißt: Es geht auch anders. Und wenn es eine gute Nachricht gibt, dann gibt es auch eine schlechte, oder? Genau. Und die heißt: Wir müssen uns ändern, wir, die Reiterinnen und Reiter, egal ob wir QHs oder Friesen oder warmblütige Dressurkracher, Ponys oder kaltblütige Schwarzwälder reiten. Und: Es dauert lange (Zeit ist unsere Hauptinvestition in die Pferde) und wir sind dabei als ganze Menschen gefordert. Denn, wie gesagt, die Pferde sind nicht das Problem. Ändern ist gut! Aber wie?

Das Buch versucht, uns einen, nein – viele Wege zu zeigen. Und, das will ich gleich sagen, es zerfällt für mich in zwei Teile. Wenn ich den einen lese, zerknüllen sich meine Hirnwindungen zu einem strammen Knoten; beim anderen Teil lösen sich die Strippen langsam wieder auf und ich könnte pausenlos „Bravo“ rufen. Meiner Ansicht nach hat Maren Diehl zweierlei versucht. Sie hat ein Buch für Profis geschrieben – ReitlehrerInnen, Therapeuten, Osteopathen, für alle, die berufsmäßig mit Pferden zu tun haben. Da geht es ums Eingemachte und genau wie ich als Kind die Fußfolge beim Galopp zwar auswendig herbeten, aber nicht wirklich verstehen konnte, verstehe ich heute nicht die Kapitel über „Wissenswertes I, Biomechanik und Wissenswertes II. Immerhin kann ich ahnen, dass hier wichtiges dargelegt wird und das ist ja schon etwas. Es gibt ja noch den zweiten Teil. Da fühle ich mich von der Autorin bestätigt, die mir zuruft: „He, Lernen findet in Spiralen statt!“ Was weiß ich, wenn ich das weiß? (Die Frage stammt nicht von mir – im Buch findet ihr sie nach fast jedem wichtigen Abschnitt.)Ich weiß, dass ich an meine aktuelle Lern-Spirale anknüpfen kann, bei meinem „Bravoteil“, und da gibt es einiges, was ich noch nicht (so richtig) weiß. Zum Beispiel die Sache mit dem Kontrollverlust. (S. 68) Dass wir uns von der Vorstellung trennen müssen, ein Pferd beherrschen zu können. Aber wie genau? Indem wir unsere Vorstellung von der Wirklichkeit überprüfen und uns überraschen lassen. Nicht auf das reagieren, was wir uns vorstellen, sondern das Pferd (oder den Reitlehrer) einfach mal fragen, was sie denken oder fühlen, oder was sie glauben, dass wir gerade denken oder fühlen. Uff – klingt kompliziert, aber es klappt mit Pferden wunderbar – ihr müsst es nur mal versuchen und üben. Die Drei Üs nennt das Maren Diehl. Üben, üben, üben. Und noch etwas: Wir müssen uns über unsere Gefühle klar werden. Für mich ist dieses Kapitel die Grundlage des ganzen Buches – klingt einfach, doch weil wir in unserer Sozialisation gelernt haben, unseren Verstand zu gebrauchen und die Gefühle damit zu kontrollieren (das hatten wir doch schon?) braucht es eine Zeit, bis wir uns wieder mit unseren Gefühlen vertraut machen können. Und sie von Emotionen unterscheiden lernen, die aus unterdrückten Gefühlen entstehen. Ärger und Frustration – das sind die Emotionen, die in einem ganz normalen Reitstall herumschwirren – und zwar nicht nur in den Bäuchen der Reiterinnen, sondern auch und vor allem bei den Pferden. Habt ihr euch mal gefragt, warum es so viele Koliken gibt und jeder zweite Tierarzt Kolik-Operationen anbietet? Wenn ihr es schafft, zu merken, dass nicht euer Pferd dran schuld ist, wenn ihr mit dickem Hals in die Reitstunde kommt und wieder mal gar nichts geht, dann ist schon viel gewonnen. In so einem Fall kann man einfach wieder absteigen und mit dem Pferd spazieren gehen. Denn, man muss ein Pferd nicht reiten, aber man muss es bewegen. Und zwar ausreichend.

So, ich glaube, das reicht, um einen Eindruck zu verschaffen. Den Rest müsst ihr selbst erledigen. Lesen und üben, Und vielleicht mal einen Kurs bei der Autorin besuchen – um zu sehen, ob es auch funktioniert, was sie uns so wunderbar erklärt. (Hat nichts mit Kontrollsucht zu tun, eher mit der Sehnsucht, endlich wieder mal das Reitgefühl zu erleben, das ich als Kind hatte – als das Wünschen noch geholfen hat). Maren Diehl könnte es uns näherbringen.

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Dieses Buch hat mich verändert:
Mario Markus: Unsere Welt ohne Insekten? Ein Teil der Natur verschwindet. Kosmos Verlag

Es gibt Bücher, die dein Leben verändern und Bücher, die dir neue Freunde schenken, die dich eine Zeitlang begleiten, sogar noch wenn du das Buch ausgelesen hast. Das Buch von Mario Markus ist so eins. Wieso hat ein Buch über Käfer mein Leben verändert? Ganz einfach – ich kann nach der Lektüre nur noch mit meiner unsichtbaren Rotkreuzarmbinde durch den Wald gehen. Ich habe mich in eine Retterin verwandelt und rette alles, was in Gefahr ist. Und sie sind in Gefahr, weil sie so klein sind, dass wir sie mit unseren auf Großes fixierten Augen nicht wahrnehmen. Die zwei schwarzen Käfer zum Beispiel, die neulich auf einem geteerten Waldweg so fröhlich hintereinander hergelaufen sind – okay, ich wollte sie retten und habe es nicht mehr geschafft, das Auto war zu schnell und ich hätte mich vor die Räder werfen müssen, um es zu stoppen. Meine Freundin hat mich gerade noch zurückgehalten. „Schau nicht hin“, hat sie mich angefleht, als ich mich bückte, um nach den Verkehrsopfern zu sehen. Einer von ihnen hat sich noch bewegt und ich habe ihn aufgehoben und an den Wegrand gelegt. Wenn ich im Yoga die Käferhaltung übe, erfasst mich seither eine tiefe Traurigkeit, es ist mir, als ob ich einen lieben Freund verloren hätte.
Nach der Lektüre dieses Buches kann ich es nicht mehr ertragen, dass wir Insekten als schädlich einstufen und uns mit allen Mittel vor ihnen schützen wollen. Diese Mittel nennen wir „Insektenschutz“, sie stehen reihenweise in den Regalen der Supermärkte, in Wirklichkeit sind es Mordinstrumente für den Hausgebrauch. Doch wenn wir die Insekten ausrotten, schaden wir uns selbst. Mario Markus macht sich zum Anwalt dieser bedrohten Tiere, weil er davon überzeugt ist, dass sie unseren Respekt, unsere Bewunderung und unseren Schutz verdienen.
Ein Buch für alle, die ihren Blick erweitern und wissen wollen, was unter ihren Fußsohlen kreucht und fleucht.